Ein nicht ab­ge­druck­ter Le­ser­brief an die Lo­kal­re­dak­tio­nen von NRZ und WAZ Ober­hau­sen vom 21.02.2019

Es ist schon er­schre­ckend auf wel­chem in­tel­lek­tu­el­lem Ni­veau sich die Dis­kus­si­on um die so ge­nann­te Ras­sis­mus-Klau­sel in der Öf­fent­lich­keit ab­spielt und was für blin­de Fle­cken sich dies­be­züg­lich bei ei­ni­gen of­fen­ba­ren.

Es gibt nicht DEN Ras­sis­mus, den auf­ge­klär­te, sich selbst oft sogar als Anti-Ras­sis­ten ver­ste­hen­de Men­schen, bei "Aus­län­der raus" skan­die­ren­den Nazis oder AfD-Po­li­ti­ker*in­nen ver­or­ten. Dies ist le­dig­lich eine sehr of­fen­sicht­li­che Form von Ras­sis­mus, wenn auch eine ziem­lich ekel­haf­te. Ras­sis­mus ist es auch, wenn ein*e deut­sche*r Ver­mie­ter*in , auch wenn sie/er sel­ber viel­leicht kein*e Ras­sist*in ist, aus Sorge um die Re­ak­ti­on der an­de­ren Mie­ter*in­nen, die freie Woh­nung dann doch lie­ber an ei­ne*n deut­sche*n, als an einen nicht-deut­sche*n In­ter­es­sen­tin / In­ter­es­sen­tin ver­mie­tet. Und es gibt sogar wohl­mei­nen­den Ras­sis­mus, wie das "Du", das der / dem neuen, nicht-deut­schen Kol­le­gin / Kol­le­gin auf der Ar­beit oft um­stands­los an­ge­bo­ten wird, um zu si­gna­li­sie­ren, dass sie oder er trotz sei­ner Her­kunft ak­zep­tiert und auf­ge­nom­men wird. Ge­mein­sam ist all die­sen Hand­lungs­wei­sen al­ler­dings, dass sie eine Un­ter­schei­dung tref­fen. Zwi­schen "denen" und "uns" und dabei mal laut brül­lend, mal un­sicht­bar und mal in bes­ter Ab­sicht davon aus­ge­hen, dass es zwi­schen "denen" und "uns" auf­grund von Her­kunft oder Haut­far­be einen ge­ne­rel­len Un­ter­schied geben würde. Wäh­rend die erste Va­ri­an­te leicht zu iden­ti­fi­zie­ren ist (und auch leicht von sich zu­wei­sen ist), tuen sich Men­schen, die sel­ber nicht von Ras­sis­mus be­trof­fen sind - und das sind in die­sem Land weiße und deut­sche Men­schen - oft schwer damit, sub­ti­le­re und für sie quasi un­sicht­ba­re For­men ras­sis­ti­scher Hand­lungs­wei­sen zu er­ken­nen. Was so­zu­sa­gen in der Natur der Sache liegt, da man als Wei­ße*r in einer von Wei­ße*n do­mi­nier­ten Ge­sell­schaft hier schlicht­weg einen blin­den Fleck hat.

Wenn nun also eine junge, freie Thea­ter­grup­pe wie "Tech­no­can­dy" auf die Auf­nah­me einer Anti-Ras­sis­mus-Klau­sel in ihren Ver­trag be­steht, hat dies nichts damit zu tun, nach Be­lie­ben die "Ras­sis­mus-Karte" zie­hen zu kön­nen, son­dern geht es auch darum jene For­men von Ras­sis­mus sicht­bar zu ma­chen (bzw. diese im Fal­les des Fal­les sicht­bar ma­chen zu kön­nen), die für An­ge­hö­ri­ge der Mehr­heits­ge­sell­schaft oft­mals un­sicht­bar sind. Es geht also mit­nich­ten um Will­kür oder" Tu­gend­ter­ror" (Stehr, CDU), son­dern um Dis­kurs und Aus­ein­an­der­set­zung. Und schon gar nicht geht es darum das Thea­ter als Gan­zes oder ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter*in­nen öf­fent­lich an den Pran­ger zu stel­len oder vor in­ter­ne Tri­bu­na­le zu zer­ren. Man hätte sich ge­wünscht, dass die Kri­ti­ker*in­nen der be­sag­ten Klau­sel sich die Mühe ge­macht hät­ten ihre Ziel­rich­tung auf der Ho­me­pa­ge einer der bei­den Ini­tia­to­rin­nen ein­mal genau durch­zu­le­sen. Und es geht na­tür­lich auch um den le­gi­ti­men Schutz von von Ras­sis­mus be­trof­fe­nen.

Statt sich also mit In­hal­ten und Ziel­set­zun­gen der Klau­sel aus­ein­an­der­zu­set­zen (was ja Kri­tik nicht aus­schließt), haben sich Teile der Be­leg­schaft an­schei­nend ent­schlos­sen an die Öf­fent­lich­keit zu gehen. Was durch­aus be­rech­tigt ist. Nicht be­rech­tigt und auch dif­fa­mie­rend ist es al­ler­dings, wenn - wie in der lo­ka­len Pres­se ge­sche­hen - ge­ra­de­zu hä­misch die Qua­li­tät der letz­ten Pro­duk­ti­on der Grup­pe dafür ge­nutzt wird, dem An­lie­gen des Trios seine Be­rech­ti­gung ab­zu­spre­chen. Und es zeugt von mehr als schlech­ten Stil, wenn ein ehe­ma­li­ges En­sem­ble­mit­glied, of­fen­sicht­lich "ge­brieft" von alten Freun­d*in­nen vor Ort, sich aus dem fer­nen Wien Bonn meint in die De­bat­te ein­mi­schen zu müs­sen und dafür auch noch spal­ten­wei­se Platz ein­ge­räumt be­kommt. Dies und das Ni­veau der Aus­ein­an­der­set­zung scha­den dem Thea­ter in der Tat. Nicht eine Klau­sel, die - wenn alles so per­fekt im Thea­ter ist, wie uns ihre Kri­ti­ker*in­nen glau­ben ma­chen wol­len - nie zur An­wen­dung kom­men wird.

Zu hof­fen ist, dass die De­bat­te damit nicht zu Ende ist, son­dern als Aus­gangs­punkt einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ras­sis­ti­schen und ko­lo­nia­lis­ti­schen Erbe des eu­ro­päi­schen Thea­ters als sol­ches ge­nutzt, der Kon­flikt also als Chan­ce be­grif­fen wird.

Mit freund­li­chen Grü­ßen
Jörn Van­se­low

Up­da­te-Hin­weis: Je­mand war so nett, mich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ich nicht durch­ge­hend ge­schlech­ter­ge­rech­te Spra­che ver­wen­det habe. So weit es ohne kom­plet­te Neu­for­mu­lie­rung ein­zel­ner Pas­sa­gen mög­lich war dies zu kor­ri­gie­ren, habe ich das kor­ri­giert. Soll­te ich etwas über­se­hen haben: meine Mail-Adres­se fin­det sich im Im­pres­s­um.

Up­da­te-Hin­weis II: Herr Rolf Mautz, ehe­ma­li­ges En­sem­ble­mit­glied, lebt in Bonn und nicht wie irr­tüm­lich von mir be­haup­tet in Wien.

Up­da­te-Hin­weis III:

Quel­le: WAZ, 04.03.2019